Hokusai im Arbeiterviertel

Nicht nur in Hamburg hat man neue kulturelle Wege eingeschlagen, auch im Arbeiterstadtteil Tokyo Sumida-ku, im Osten der Stadt, besinnt man sich auf einen alten Künstler aus dem Anfang der Öffnungszeit Japans. Hokusai.

Er inspirierte die großen französischen Maler wie Picasso und seine Ansichten des Fuji, vor allem die berühmte Welle, sind heute der Inbegriff touristischer Kitschprodukte und spießiger Ikea-Poster. Aber irgendwie hat man das erst in den letzten Jahren erkannt und Investiert, um noch mehr Touristen in die „Shitamachi“ (Downtown) Gegend, wie man im Rest der Stadt etwas herablassend gerne sagt, zu verführen. Hier wo jetzt auch der riesige Skytree Fernsehturm in die Höhe ragt und in Asakusa alles was von Tempel bis Porzelan oder Yukatta-Bademantelverschnitt und Washi-Pack-Papier die Touristen begeistert.

Hoksai Museum Fenster Aufnahme
Hoksai Museum Fenster Aufnahme

Das Museum wurde von den beiden alten Leuten des berühmten japanischen Sanaa Duos kreiert. Die Taktik der großen Namen ist hier der Rote Faden. Sie haben ein Aluminiumkasten mit Einschnitten in Form eines N geschaffen. Macbook Look für Holzdruck Kunst. Klar verständlich für jeden Hipster.

Neujahrsessen und alles hat einen Bedeutung
Neujahrsessen und alles hat einen Bedeutung

Ich war zwei Wochen nach der Eröffnung dort und, obwohl die Stadt dank der Neujahrsfeiereien eigentlich leer war oder höchstens etwas verblendete westliche Touristen für ein nicht-vorhandenes Neujahrs-Party-Spektakel-Wunder – Mallorca für Yuppies mit Minimal-Techno – die Stadt belagern, war das Museum pressgepackt mit japanischen Intellektuellen und Rentern.

Blöd nur, dass die Architekten lieber riesige Baulücken um das Gebäude mit Kinderspielplatz ließen, um wohl dem Zen freien Fluss zu lassen. So ist selbst an der Kasse und zum Fahrstuhl ein Chaos der raumzeitlichen gekrümmten Menschenschlagen angesagt. Es gibt keine Treppe vom Foyer zu den Austellungsräumen. Hoffentlich eine Feuertreppe irgendwo versteckt.

Da im Moment noch keine der großen Reiseführer Ketten der pseudo authentisch, selbst geplanten Pauschaltouristik sich die Tinte für diesen Eintrag gegeben hatte, oder die Onlineredaktionen der Welt-Hipster-Bewegung gerade mit Bio-Gin besoffen unterm selbst gefällten Weihnachtsbaum abnickten, waren kaum Ausländer an zu treffen. Besser war es für alle beteilige, denn irgendwie hörte nach der Hälfte der Bilder  die englische Beschilderung auf und das Personal hätte wohl lieber in Klingonisch als mit Englisch die Reisenden beglücken können.

Die Bilder sind atemberaubend. So filigran, so unglaubliche Muster und Perspektiven, so genial gefaltete Kleider, so unglaubliche Natureindrücke. Der Stadtteil erwirbt weiterhin Bilder, da Hokusai hier arbeitete und geboren wurde, und mischt auch andere Künstler der Zeit mit ein. Zur Zeit waren Leihgaben aus der umfassenden Sammlung Hoksais in Boston dort. Für mich ist das Museum Nummer drei in Tokyo. Nezu, Edo und dann Hokusai. Alles andere nur, wenn man wirklich viel Zeit hat. Aber für jeden Bildungsbürger wohl ab jetzt ein Muss in Ost-Asien

Aber wie ich die Japaner kenne, werden sie sich schnell anpassen und wenn die Begeisterung der Europäer und Amerikaner für Hokusai das Museum überspühlt, wird sich wohl auch eine Übersetzung finden lassen. Das Platzproblem bleibt. Vielleicht spart man sich dann den obligatorisch-authentische U-Bahn Rush-Hour Selfie-Trip. Hochkultur sei dank.

Der Zeichner zur Musik
Der Zeichner zur Musik
Das Endkunstwerk im Fluss
Das Endkunstwerk im Fluss

Apopo, hier zwei Bilder von dem zufälligen Konzert mit Performance, das dort auch gerade stattfand. Japanische Gitarren plus Gesang plus Action-Painting-Kalleografie plus Hokusai-Yoga-Abstrakt-Tanz.

Mal sehen, ob eure Software das abspielen kann.

Mehr absurde Kulturmischungen bitte auch für euch. Hoppladihü.

Und Sushibar.

Sushibar
Sushibar

Neue Sicht dank Neuronalem Lernen

Mit frisch geformter Hipster Brille sitze ich gerade vor meinem futuristischen Aluminium Laptop und genieße die unglaubliche Tiefenschärfe des Neuen Sehens durch japanische High-Tech Plastikscheiben. Ich habe kein neues Macbook mit CristalFutureClear Bildschirm Technology oder eine neue 3D Brille mit Vibrationsalarm, auch keine Guru Wunderheilung in Goa. Sondern die gute traditionelle Lehrbuch Medizin nach Wissenschaftlichen Standards (mit Fakten und so).

New Glasses and Flowers
New Glasses and Flowers

Ich hatte zwei OPs wegen einer unglaublich unpraktischen Netzhautablösung. Komplizierte Verfahren in japanischer Raumschiffklinik. Neuste Technik. Ihr kennt das ja.

Und auf einmal kann ich schärfer sehen als vorher. Beim Sehtest waren es bis gerade so 80 Prozent, und das ohne Gin. Wer mich kennt, weiß dass ich vor den OPs bei gutem Wetter, gut Gelaunt und frisch genährt gerade so auf 40 Prozent Sehfähigkeit im Vergleich eines durchschnittlichen Menschen gekommen bin. Führerschein-Erlaubnis denkbar.

Jetzt Doppelt so viel. Auf dem unoperierten Auge bis zu 70%. Einfach so. The Brain makes it Possible. Neuronale Rekombination, Kurz visuelles Lernen. Mein Gehirn ist also ein BigData Senior Delevoper mit Special Neural Learning Skills und Adaptiv Image Processing Zusatzausbildung und kick Google und alle einfach mal automatisch aus dem Artificial Intelligence Rennen. Herrlich.

Dafür muss ich jetzt zwei Hipster Brillen dabei haben. Eine für Nahes (aka Digital Nativ Stuff) und eine für Fernes (Walking, Drinking Gin). Denn meine linke Linse, die echte im Auge, wurde mir komplett entfernt. und auch mein Glaskörper (nicht meine Modelfigur natürlich). Wegen Grauschleier. Jetzt habe ich dadurch ein besseres Nachtsehen, bessere Farben-Knalligkeit und bessere Kontrasttiefe. Wie der neue Smart TV von Samsung nur in 3D und hip.

Etwas komisch ist das alles noch. Meine Schrift im iPhone habe ich erst mal auf die Hälfte verkleinert. Display Real-Estate sichern. Und mein Gehirn developt noch eifrig vor sich hin. Damit mein Redefluss dadurch nicht merklich gestört wird, werde ich in der Übergangszeit nur in Hauptsätzen postfaktische Behauptungen aus tratschen. Ich bestell dann schon mal Selfisticks, falls ich so auch noch Social Media Star werde.

Frohe Weihnachten und frohes Neues Jahr.

Kommt mich besuchen, denn hier sieht es bei gutem Wetter es so aus:

Tokyo Skyline
Tokyo Skyline

Tokyo, babe!

Gefangen in einer Zeitschleife mit J-Pop Diva

Der Trend der Escape Games ist ja jetzt schon länger ein Weltweites Phänomen. Gestern war ich aber das erste mal selber Spieler eines solchen Live-Rätsel Spiels, indem es darum geht durch Rätsel, Mathe oder Wortspiele aus einem Raum zu entkommen. Das Genre kann von Japanischem Psycho-Horror bis hin zu J-Pop Star Mörder Story gehen. Bei der letzten Art Story war ich.

Eine Schauspielerin im Haus gegenüber, In das wir 10 Spieler durch eine für die Dame unsichtbare durchsichtige Glaswand sehen konnten, wird die leicht naive, etwas duselig kindliche Diva auf mehrere verschiedene Arten versucht umgebracht zu werden. Warum ist dabei irrelevant. Findet die Mörder und verhindert den Mord.

Denn: wir sind in einer 10 Minütigen Zeitschleife gefangen und können so die entzückende Dame bei verschiedenen Todesursachen bemitleiden während wir immer wieder Inder Zeit zurück springen, je nachdem was wir vorher gelöst oder vorgeschlagen haben. Es spielen dabei Unbekannte und Freunde zusammen.

Die J-Pop Diva starb bei uns leider dann beim letzten zehnten Versuch durch Schusswaffe. Sie war zu blöd aus dem Raum zu laufen, nachdem wir die angerufen hatten und ihr verboten hatten die vergiftete Banane zu essen, und die falsche Polizistin-Kopfgeldjägerin mit dem von uns durchs Fenster gereichten Elektroschocker zu lähmen bevor sie das Geburtsdatum des Komplizen erfragt hatte, womit sie dann die im Zimmer auffällig in einem Riesen Packet versteckte durch J-Pop Hit Geräusch aktivierte Zeitbombe hätte deaktivieren können. Tragisch. Konntet ihr Folgen?

Probiert es aus. Die Absurdität ist herrlich. Bringt schlaue Freunde mit Erfahrung in Mystery PC Spielen aus den 90ern mit.

Aloha.

Morgen ist immer Zukunft

Hallo, lange nichts gehört, was?

Alle trauern und verzweifeln um mich herum. Die Walen. Die Zukunft. Die Worte.

Doch: Sie leben. Das Licht ist noch an. Die Musik spielt weiter. Was für eine Perspektive ist es? Unklar.

Aber wer von Anfang an verzweifelt erreicht nichts mehr. Stehen bleiben. Durch atmen. Orientieren. Das Licht ist noch an. Die Musik spielt noch. Die Entscheidungen für die Zukunft sind nicht gemacht. Ich kann entscheiden. Ich kann tun, mich bewegen, andere bewegen, alles bewegen. Die Zukunft ist immer ungeschrieben.

Die Verzweiflung nimmt nur eins: die eigene Macht selbst zu entscheiden. Tun. Sein. Leben. Bewegen. Weiter.

Tür schließt oder öffnet sich
Tür schließt oder öffnet sich

Eine Tür schließt sich oder öffnet sich. Das kann ein Foto nicht zeigen. Nur im Rückblick wird es klar. Verzweiflung tut als Rückblick was aber die Zukunft eigentlich ist.

Ich hatte eine Netzhautablösung auf meinem starken Auge links. Schleichende Erblindung. Im Ausland. Ohne Hilfe. Ohne Wohlgesonnenheit. Ohne Empathie. Schien es. Verzweiflung.

Dann kam die Empathie, Zuwendung und Zuversicht. Menschen. Gesten. Hilfe.

Menschen, die mich behandelten, die mich aufbauten, mit mir lachten, nach mir sahen, um mich bangten, mit mir entspannten, mir aufhalfen und weiter halfen. Zivilgesellschaft.

Entscheidungen von freien Menschen für freie Menschen, einfach so. Vertraut darauf und baut darauf. Auch wenn es mal draußen nach Regen aussieht. Genesung kommt.

Blumen von Menschen
Blumen von Menschen

Und wenn ihr nicht an die Menschheit glaubt, dann kauft einen Blumenstrauß.

Küsse aus Fernost.

PS: ich bin auch umgezogen. Nach Tokyo (Kitasenju Station). Helle Wohnung. Kommt auf einen Tee vorbei.

Sommerfest

imageimageimageimageimageimageimageimageimageimageimageimageimageIn Japan liebt man es im Sommer ordentlich die Show auf zu machen. Feste, Parties, Feuerwerke, Paraden und Konzerte. Alles dauernd überall. Und bitte laut oder bunt oder beides. Matsuri heißt Festival auf Japanisch.

Das Tsukuba Matsuri in dem Wannabe Silicon Valley Japans namens Tsukuba, in dem ich ja zur Zeit residiere, holt seinen Nerds (und für die Großstädtischen Nahraumtouristen) gleich mehrere Festivals aus Nordjapan zu seinem. Ihr seht es auf den Fotos.

Aus Akita und Awamori. Die einen bringen Größe von innen beleuchtete Papier-Draht Skulpturen auf Rädern. Die anderen bringen riesige Lampignon Segel zum auf dem Kopf balancieren.

Und die Locals werfen Glöckchen auf die Menge oder lancieren die Schreine der Götter der Nachbarschaft auch durch die Parade. Dabei tanzen ziemliche viele Leute wild und überall gibt es Hippe Burger, Longdrinks aus Obstsäften oder türkische Eiscreme.

Fantastisch für so einen Wochenende im Sommer eben.

Kommt mal nach Nerd-Town. Wir haben hier einen Strahlenbeschleuniger, ein gigantisches Laser-Radar zur Vermessung der Atmosphäre (und schön bunt abends), eine Raumfahrtzentrale, die die ISS steuert (ja das darf Japan machen…), Roboter-Frauen (natürlich), Roboter-Robben (weil es so gut klingt), Roboter-Anzüge (das mache ja ich) und ganz viel unglaublich komplizierte Chemie, Materialien und Erneuerbare- Energietechnik.

Make more Future, babe!

Holz-Bauwerke im Panorama

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Die House Vision auf der künstlichen Hafeninsel Odaiba in Tokyo zeigt alle großen jetzt trendigen, japanischen Architekten. Kego Kuma gibt indirekt den Ton an mit seiner Grundidee vom Holzbau oft in Mikado-Bauweise.

Alle anderen Folgen. Vorallem der Rest der Welt. Der hat bei einem Neubau-Markt mit der häuslichen Lebenserwatung von so 20 Jahren in Japan einfach gar nicht die Nachwachskraft dagegen zu halten. Pustekuchen Modernes Wohnen liebe Altbauwohnungen.

Das Beste war der eigentlich völlig offene Kalter Kaffee Stand. Weiße Tücher bilden hier die wehenden Außenwände. Sehr japanisch das Spiel mit dem Drinnen und Draußen – Bei Böhen steht man aber im Regen. Aber auch die Steck-Holzkonstruktionen traditionell ein Muss.

Leider versagt der Großmeister Kengo Kuma selbst mit einer total banalen Toyota Product Placing Aktion und billigen Ikea Zelten plus die passende skandinavische Möbelgarnitur wohl seiner Praktikanten. No Future for the Hybrid Car, apparently.

Auch allerlei andere große Marken wie Panasonic (lahmer Großwandbeamer) und Tsutaya (Buchhandlungskette mit… Einer provisorischen Buchhandlung… Tadah) oder Muji (Restmüll des schwedischen Reservistencorps) und so weiter. Dafür musste man Eintritt zahlen.

Das Handwerk aber war umwerfend. Holz ist halt einfach geil. Und offene Gebäude von Japanischen Architekten. Ich ziehe ein.

Kauft mehr Avantgarde. Mata, ne.

PS klickt auf die Fotos für Full Screen Indulgence. Ohne 3D.

When the Godfather arrives

Gestern war ich auf einem Promotion Event eines anonymen österreichischen Partygetränke Herstellers. Vier Clubs in Shibuya mit Discount. Männer viel teurer als Frauen, diese Chauvinisten

Das Event des Monats, denn die Legende der japanischen elektronischenMusik, DJ Krush, sollte im Contact auflegen. Einer dieser ganzen neuen Clubs, der nach der letzten Schließungswelle durch die Polizei in Tokyo wieder aufgemacht hatte. Tanzparties waren bis dieses Jahr total verboten, zu sexuell aufreizend – aber in einem Mafialand wie Japan sind Regeln ja immer nur eine Optionslage. 

Der DJ hatte in den 90gern Trip-Hop erfunden und ist einer der ersten japanischen Live-DJs. Eine Freundin hatte ihn mir in meinem aller ersten Jahr in Japan vorgespielt. 

Ich liebe ihn, denn er ist für mich der Sound von Tokyo. Er klingt wie eine Fahrt in der Yamanote-Line durch die Innenstadt, er passt perfekt zum Schlendern durch Ramschläden in Akihabara oder beim Anstehen für ein beliebtes Soba Restaurant in Ginza, er ist der Soundtrack beim Mode-Shoppen in Harajuku oder für einen Nachmittag in Shimokitazawa. Er klingt so komplett wie das moderne Japan, dass ich nur hoffen kann, das jemand ihm irgendeinen Orden oder Titel dafür verliehen hat. 

Und der war da. Und mega geil. Und nicht nur er. Sondern gleichzeitig auf dem anderen Dancefloor die perfekte Reinkarnation von deutschem 90er Techno. Wir waren hin und her gerissen und total euphorisch.  

Mein Anstoß wieder mal den Unterschied zu europäischen Parties zu erläutern. 

Japanische Elektroparties sind eigentlich immer in coolen Locations. Dieser war in einer Parkgarage hinten links drei Stockwerke runter – aber anders als in Berlin – schick und durchgestylt. 

Die Stimmung ist lässig und unabhängig. Meine Britische Freundin hatte ein kleines Schock-Erlebnis: „oh my god. No one groped me. No one tried to stare me out. No one tried to rub themselves on me while dancing. You get your personal space. This is amazing“. Klarer Fall von viktorianisch sexuell unterdrückten Männern auf der Insel. Warum machen die Girls das eigentlich mit?Nicht hier. Jeder ist für sich und genießt die Musik.

Auch gibt es keine verdrogten, You-Live-only-once RyanAir Touristen, die ihr langweiliges Provinzleben mit maßlosem Nicht-wie-zuhause Arschlochverhalten auslöschen müssen. Es gibt keine Russisches Roulett-Türsteher mit Geltungsproblematiken. Und man muss nicht die Penisgrößen oder Schmerz-Lust-Grenze der verspießten Mitgäste ertrage. Es gibt keinen Dresscode – außer nicht nackt. Es gibt keine feste Tanzform. Keiner muss dich jetzt gleich ficken. Keiner belästigt dich. Und jeder hat Platz. Für sich. Und die Musik. Das ist Party in Tokyo. 

Smalltalk mit Fremden gibt es aber auch. Beim Luftholen auf der Bank. Beim runter kommen in der Lounge oder beim Warten auf den „Extra stark bitte“ Longdrink. 

Das Kontrastprogramm dazu war das WOMB. Der zweite Club auf der abendlichen Liste. Bekannt als einer der besten Clubs der Welt dank riesigem Soundsystem, ist das Etablissemente seit einigen Jahren stark abgerutscht. 

Kennt ihr die Musik, die auf billigen Volksfesten in diesen mittelmäßig langweiligen Fahrgeschäften gespielt wird. Techno plus Pop und „Eine neue Runde, eine neue Runde“ Ansagen öfter als der Verkehrsfunk. Genau so ist das Womb. Pop plus Elektro wie auf dem Ballermann oder einer College Frat Party. Wenn der DJ auf einer Party „and now everybody, arms in the air“ ruft und mit dem Beat eine Pause macht, solltet ihr schleunigst die Schwimmwesten anziehen und den Notausgang aufsuchen. Aber bitte, keine Panik. 

In Japan kommt das ganze mit einer Crowd aus (wieder) sexuell unterdrückten Männer aus unpriorisierten Fly-over Ländern und japanischen Frauen kurz vorm maximal kulturell akzeptablen Heiratsalter mit Fetisch für westliche Penisse. Anfassen, Anstarren und Belästigen inbegriffen. Wie eine Schlagerparty auf einem Kreuzfahrtschiff nur jünger. 

Wir sind wieder zurück zum Techno, der unbeschmutzten Nachkriegsmusik von Generationen. Diesmal Chicago oder Detroit Verschnitt. Geil. Ich bin wohl einfach zu deutsch. 

Tanz mehr. Eine neue Runde. Wuuup. 

Es war Zeit für die Insel


Es war wirklich Zeit für die Insel. Also bin ich von der großen Insel (Honshu, Japan) auf die kleine Insel (Okinawa, Japan) geflogen. Fantastischer weise ist der Flugverkehr in Japan oft bis in die letzte Provinz gut ausgebaut. Und nach der Liberalisierung des Flugmarktes sind auch einige Billigflieger unterwegs. Mein liebster ist SkyMark. 

Sie lassen einem Zeit das reservierte Ticket bis zu drei Tage später im Convenient Store (Kombini) in Bar zu zahlen. Zahlt man nicht, geht der Platz wieder online. Super für Unentschlossene. 

Ich wohne ja in der Stadt der Wissenschaft, Tsukuba, die in der absolut langweiligen Provinz Ibaraki liegt – nahe Tokyo und die unbeliebteste des Landes. Aber dieses lahme Hinterland hat einen eigenen Flughafen, von dem aus Direktflüge nach Okinawa im tiefen Süden Japans nahe Taiwan sausen. Sau billig. 

Ich bin mit dem zwei mal täglichen Bus, der auf den einzigen Abflug am Nachmittag abgestimmt war, hin zu dem Mini-Flughafen im Ikea Format. Er hatte vier Gates, zwei offen, eins mit Flieger – meiner. Bessere Zeiten vom Eingang zum Flugzeug kann es gar nicht geben. Alles mega praktisch. Auch weil man bei Inlandsflügen offene und geschlossene Getränke in Plastik und Glasflaschen einfach so ins Handgepäck mitnehmen kann. Ein extra Scanner mit geheimer Funktionsweise untersucht die Flasche kurz. 

Okinawa ist traumhaft. Sehr schön Strände, herrlich exotisches Essen – für Europäer etwas chinesisch angehauchte Japanische Küche mit einem Tropfen Südsee – und historisch.

Hier fanden die brutalen Schlachten in zweiten Weltkrieg bei der Landung der Amerikaner statt. Das Kriegsgedächnis-Museum zeigt dieses mit beeindruckender Architektur und Blick auf die See. Ich empfehle es jedem. Auch das etwas kitschig abgefuckte American Village Einkaufszentrum mit samt echten betrunken US Soldaten am Strand ist für das globale Verständnis interessant. 

Auch der Palast der ehemalig unabhängigen Ryukyu Könige ist eine Mischung aus chinesischem und japanischem Kunsthandwerk. Sie zahlten erst lange an China Tribut und wurden dann vom Südjapanischen Königreich Satsuma unterworfen – also merken: Schutzgeld zahlen lohnt nicht. Dann wurden sie während der faschistischen Imperialzeit nach der Öffnung Japans Vor dem ersten Weltkrieg Zwangsassimiliert bis Ende des zweiten Weltkrieges. 

Danach war Okinawa bis in die 70er ein Überseeterritorium der USA. Jetzt ist es ganz normal eine japanische Präfektur. Aber arm und außer um die Resort Hotels sehr abgefuckt. 

Aber die Konflikte bleiben zum Beispiel in der Definition der lokalen Sprachen als japanischer Dialekt (japanische Regierung) bzw. eigene Sprache in einer Japanischen Sprachfamilie (der Rest der Welt) erhalten. Auch das architektonisch interessante Museum für Geschichte und Kunst der Präfektur Okinawa spricht darüber nicht. 

Besonders auf der Insel ist auch die etwas sehr verpickelte Gurke Goya. Sau bitter, aber geil. Wird bestimmt auch in Berlin demnächst als Lebensverlängerndes Schlankheitsmittel in die Smoothies gerührt. Hier schmeißt man sie einfach ins Rührei und mach einen auf Chinesisch. 

Und weil Japan beim Thema Essen ein unendlicher Vortex des Genusses ist, haben wir noch Awamori. Das ist 20-60 prozentiger, klarer Brandwein, der etwas wie Whisky schmeckt, aber wegen seiner Leichtigkeit viel gefährlicher als Feierabendgetränk einen zu Boden ringen kann. Ich habe natürlich gleich mehrere Liter gekauft. *Emoji mit Nerdbrille*

Die Landschaft und alles seht ihr am Besten auf den Fotos. Mietet ein Auto wenn ihr auch japanisches Inselfeeling braucht. Und esst Sushi nach dem Beachen in eurer Designer Badehose von Uniqlo. Dann ist die Eiscreme-Werbeclip-Phantasie perfekt. 

Südsee for your life. Bingbong. 

Ich habe 

Routineuntersuchung im Anime Spaceship Style

Erstmal unzusammenhängende Fotos aus Japan als Klick-Beute:

Der Sommer ist da. Heiß. Und pünktlich zu den Hitzewellen ist bei uns in der Firma Pflichttermin: Medizinische Routineuntersuchung – jährlich.

Die generelle Idee finde ich super. So kann man sich sicher sein, egal was für absurde Krankheiten man hat, wenigstens einmal im Jahr könnten sie irgendjemandem auffallen. Mein spanischer Kollege hat mir auch bestätigt, dass man das in Spanien auch so hält.

In Deutschland war ich jeweils nur bei der Einstellung einmal beim Firmenarzt. Und der hat mich mehr oder weniger nur angestrengt gefragt, ob ich noch lebe und mir daraufhin sein unterschriebenes Formular gegen die Stirn geklatscht.

In Japan ist das natürlich viel geiler. Das „Gesundheitszentrum“ ist ganz neu. Alles in seichten skandinavischen Holztönen. Beruhigende klassische Musik im Hintergrund. Frauen in einer schwarzen Stewardessen Uniform begleiten einen als „Guidance“. Jede Technik total modern. Wie in einem futuristischen Raumfahrt-Anime. Und alle sind höflicher als im Vierjahreszeiten bei Filmpremiere.

Als erstes registriert man sich und dann durfte ich mich umziehen. Ich muss ja schließlich auch so eine spacige Uniform bekommen, damit ich am Set nicht auffalle. Also in die RFID automatisierte Umkleide. Im Schrank 42 (obviously) liegen schon ein Overall und eine Jogginghose zusammen mit Stoffsandalen bereit. Hemd und Hose aus und rein in das Graue Schmuckstück mit blauem Streifen über die Schulter und dunkelblauen Armen für Männer und grau-rosa Armen für Frauen (Gendering for Hyperspeed please).

Darin sieht fast jeder Bierbauch wie Captain Kirk persönlich aus auch ohne Wasser-Blumenkohl-Diät. Also weiter. Zur ersten Stewardess an ihrem kleine Computer Pult mit perfekt sitzender Frisur und Uniform. Sie scannt meine Karte – und die enthält tatsächlich auch eine Gebäudekarte als Aufdruck für meine Orientierung.

„Sehr geehrter Herr *Zensurstreifen* bitte nehmen Sie hier vorne Platz im Bereich eins. Sie werden mit der Nummer 17 aufgerufen.“ Ich sitze und lausche beruhigender Klassik.

Das ist auch bitter nötig, denn die eifrigen Mediziner hinter den designten Türen hatten mir nämlich vorab verboten weder morgens nach dem Aufstehen bis jetzt die kleinste Menge Wasser zu trinken, noch irgendwas zu essen. Ich war schon im zweiten Zyklus kurz vor Kreislaufkollaps und Bewusstlosigkeit und es war gerade mal kurz nach neun. Seichte Klaviermusik kann da helfen.

Auch der Fakt, dass sie mir schon vorab einen lange Liste an Fragen schicken (auf Japanisch) mit konkreten komplizierten Symptom- und Lebensstil-Abfragen, war wohl nur zu meinem Besten und half dem Ablauf erstaunlich. Aber viel schlimmer war die kleine blaue Plastiktüte, die mitgeliefert wurde. Piss-Test.

Frei nach Origami hatte man eine sehr kleine mit Plastik beschichtete Papier-Faltbox und ein raketenförmigen Plastikzylinder mitgeschickt. „Das Erste, was Sie am morgen tun, ist ihre Pisse in den Zylinder bringen“. Nur fehlte nach der Faltanleitung für die Box jeder weitere Schritt des Prozesses auf dem Papier.

Also sollte ich wohl die Box bauen (halbschlafend, morgens nach dem Weckerton) und diese unter meinem Penis festhalten, während ich auf meinem Klo sitzend möglichst die Box gut balanciert in sie rein pinkele – nicht zu viel – und nichts auf meine Finger oder irgendwo sonst hin verspritze. Macht das mal um 8 Uhr morgens. Ich hätte wohl auf den Fetisch Parties mehr aufpassen sollen.

Ok. Also hatte ich dann eine kleine Box voll mit gelber Pisse und einen kleinen Zylinder mit Plastikkorken. Und jetzt? Albtraum. Das hat sich kein Ingenieur ausgedacht und Usability ist mindestens eine Galaxie entfernt.

Ich sage euch nur, es hat am Ende geklappt. und ich konnte die kleine Rakete in der blauen Plastiktüte versiegeln und mich aufs Fahrrad schwingen, um bei 28 Grad nicht genährt und dehydriert über Hügel zu dem Zentrum zu rasen.

Nach meiner ersten Station dort ging es ein Stockwerk höher. Und dieses Stockwerk war wirklich wie bei Asterix und Obelix in diesem herrlichen römischen Amt. Ich wurde über mehr als eine Stunde hinweg von einer Station zur nächsten geschickt. „Hörtest, Raum 16, warten Sie bitte davor, Sie werden ausgerufen.“ „Elektro-Cardiographie, Raum 8.“ „Sehtest. Raum 12. Warten Sie drinnen.“

„Wie, sie können keine Kreise mit Loch in der Maschine mit Brille erkennen? Machen Sie den Zyklus nochmal.“ „Ich sehe wirklich schlecht.“ „Nochmal bitte“ „puh“ „Ja, Sie sehen wirklich schlecht. Erstaunlich. Das nächste wäre dann Raum 6.“

Und überall um mich herum auf dem Flur, wo alle diese chaotisch angeordneten Räume abgingen, Leute in der gleichen schneidigen, futuristischen Uniform – Patienten, viele Rentner, die lachend über die gleichen Testergebnisse plauderten, oder Hausfrauen, die gelangweilt in einer Klatschzeitung lasen – alle gleich. Anime-Feeling.

Alle Ärzte und Krankenschwestern (ja es waren nur Frauen) waren sehr höflich und äußerst geduldig, wenn ich zu blöd war den richtigen Knopf an irgendeiner Maschine zu drücken oder mein Gehirn wegen Unterernährung die Kurzzeitfunktion deaktiviert hatte und ich mir noch nicht mal die nächste Raumnummer merken konnte.

Die Technik war auch super. Trotz der chaotischen Raumfolge hatte ich immer das Gefühl, dass die Stewardess-Operator-Guidance Frauen alles völlig im Griff hatten und jeder zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Kaum Wartezeiten. Jeder Arzt oder jeder Schwester hatten genau eine sehr spezifische Testaufgabe, die meistens nur wenige Minuten dauerte.

Factory with a Charm, denn es war überhaupt nicht unpersönlich oder abfertigend. Durch die Höflichkeit und den guten Service, hatte ich eher den Eindruck, man wolle mir möglichst einen reibungslosen, schnellen und angenehmen Aufenthalten gewähren. Das LAGESO Berlin ist dagegen die Abgründigkeit der Hölle würde ich mal wetten.

Meine ersten Testergebnisse waren natürlich gut – jeden Tag grünen Tee und viel Fisch. Der Rest kommt per Post.

Völlig ohnmächtig konnte ich mich danach in den nächsten klimatisierten Convenient Store retten und sofort eine Flasche Wasser, eine kleine Tüte Milch und drei Sandwiches desintegrieren. Ich war froh, dass ich nicht über 40 bin, denn dann hätte ich ein Magenentleerungsmittel schlucken müssen und per Endoskop nach Tumoren im Verdauungstrackt abgesucht werden müssen. Glück.

Hej, Deutschland, du alterst genauso schnell wie die Japaner (nur nicht ganz so lange erst) und deshalb solltest du auch auch dieses Pflichtprogramm einführen. Denn Profilaxe ist viel billiger als Endstadium-Therapie und kann echt Leben retten, besonders bei Alterungs- und Kulturkrankheiten (Diabetis, Schlaganfall, Krebs).

Und die Abschlussformel: Mehr geiler Stil auch im Gesundheitssystem.

Grüße aus der Zukunft. Wusch-Zisch.